Katharina Heise

(von Dr. Paul R. Franke)

50 Jahre nach ihrem Tode wird im Kreismuseum Schönebeck (altes Salzelmer Rathaus) eine Ausstellung zum Gedenken an die Malerin und Bildhauerin Katharina Heise, eine bedeutende Expressionistin der zweiten Generation eröffnet.

Katharina Heise wurde am 3. Mai 1891– 5 Jahre nach ihrer Schwester Annemarie, einer ebenfalls bedeutenden Malerin - in dem damaligen Groß Salze als zweite Tochter des Landwirtes und Ratsherrn Otto Heise und seiner Frau Louise Heise, geborene Heinrich, geboren. Die Heises müssen auch für damalige Verhältnisse sehr wohlhabend gewesen sein. Ihr Geburtshaus in der Edelmannstraße 22 gehört noch heute zu den prachtvollsten und großzügigsten in dem Viertel. Materielle Not kannte Katharina zu dieser Zeit sicher nicht.

Das Elternhaus scheint auch den Wünschen der Töchter gegenüber recht tolerant gewesen zu sein. Nachdem die ältere Tochter bereits einen kaufmännischen Beruf erlernt hatte, entschlossen sich beide Schwestern zu einem Kunststudium. Das 1906 in Magdeburg eröffnete Kunstmuseum mit Werken von Cezanne, van Gogh, Liebermann, Rodin und anderen hatte beide sehr beeindruckt.  Ein Kunststudium als junge Damen! Das wollte 1910 schon etwas bedeuten! Vielleicht war es für eine „höhere Tochter“ aus Berlin, Hamburg oder Dresden durchaus denkbar Malerei zu studieren – aber für zwei Grundbesitzertöchter aus Groß Salze? Beide hatten bereits 1910 neben ihrer Ausbildung in Stenographie und Schreibmaschine auch an der Kunstgewerbeschule in Magdeburg mit dem Malunterricht bei Professor Rettelbusch und anderen angefangen, um dann 1911 und 1912 die Malschule von Ferdinand Dorsch in Dresden zu besuchen, wo sie auch die Bekanntschaft von Conrad Felixmüller, den Katharina sehr verehrte, und den Malern der „Brücke“ machten.

1913 reisten beide im September zu einem längeren Studienaufenthalt nach Paris. Die Schwestern Heise studierten an der privaten Academie Rancon u.a. bei Maurice Denis und Valloton und an der Grande Chaumiere. Im April 1914 verlassen beide Paris. Nur bis zum Herbst - so dachten sie. Doch der erste Weltkrieg setzte den französischen Träumen ein brutales Ende und es beginnt für beide eine über zwei Jahrzehnte dauernde Berliner Epoche. Katharina Heise nahm das Atelier, das Käthe Kollwitz vorher gehabt hatte, diese hatte ein größeres eine Etage tiefer genommen. Käthe Kollwitz und sie hatten wohl vom ersten Moment eine starke Sympathie füreinander und sie schreibt später: „Ich verdanke ihr unendlich viel.“

In den Kriegsjahren 1916-18 entstehen vorwiegend typisch spät-expressionistische grafische Arbeiten. Die Motive sind der Mensch in der Natur, die Welt des Tanztheaters, die Passionsgeschichte und Portraits. Sie formuliert eindrucksvoll die Suche nach der eigenen Identität und die Entfremdung und Vereinsamung des Menschen in einer vom Krieg brutalisierten Gesellschaft. Die formale Gestaltung dieser Gefühls- und Gedankenwelt mündete in der Suche nach möglichst einfachen und klaren Formen, die ihre natürliche Entsprechung im Holzschnitt fand. Die berühmte Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst von Franz Pfemfert widmet ihr 1918 ein Sonderheft – was eine überragende Wertschätzung bedeutete. Dieses Sonderheft heißt übrigens „Karl Luis Heinrich-Salze“. Das war ihr männliches Pseudonym. Unter diesem Namen stellte sie auch aus und hat das Pseudonym angeblich bis 1931 nicht gelüftet. Es besteht wohl Grund zu der Annahme, dass sie glaubte unter einem Männernamen in der von Männern dominierten Kunstwelt erfolgreicher zu sein. Und bis heute ist  diese Befürchtung nicht unberechtigt: Wie viel männliche Künstler fallen jedem doch auf Anhieb ein, wenn uns jemand nach wichtigen Namen z.B. zwischen 1910 und 1930 fragt? Auf Anhieb ein gutes Dutzend und bei etwas Nachdenken sicher noch mehr. Dagegen Frauen?  - -  Käthe Kollwitz, Paula Modersohn – und dann hört es meist schon auf. Da stimmt wirklich etwas nicht, wenn man bedenkt, dass es allein in Berlin schon einen Frauenkunstverein mit eigenen Ausstellungen gab. So gab es damals sehr viele gute Künstlerinnen, denen heute kein Biograf auch nur eine Zeile widmet. Auch unsere Heise-Schwestern gehören zu dieser zu Unrecht fast vergessenen weiblichen Künstlergeneration.

Während Annemarie Heise bei der Malerei blieb, wechselte Katharina etwa 1919 auf Anraten von Käthe Kollwitz und Hugo Lederer zur Bildhauerei, zur Plastik. Es entstand eine Reihe von Kleinplastiken. Die Begegnung mit Plastiken von Archipenko veranlassten sie - nach ihren eigenen Worten - naturalistischer zu arbeiten. Ihr Wunsch, noch einmal eine Bildhauerklasse an der Kunsthochschule  zu besuchen, scheiterte. Allerdings riet ihr auch Professor Lederer davon ab, da sie seiner Ansicht schon ihren Stil gefunden habe. Stattdessen sollte sie sich lieber für ein paar Wochen in einer Steinmetzwerkstatt und in einer Bronzegießerei umsehen. „Das tat ich und bin damit gut gefahren“, schrieb sie. Sie wagte sich auch an überlebensgroße Formate im Steinguss 1922. „Die große Schreitende“, „das Urweib“ und „der Tod“. Die letztere Plastik zum Gedenken an ihren Vater, der am 3. März 1921 verstarb. Diese drei großen Plastiken befanden sich bis zu ihrem Tode in ihrem Haus hier in Salzelmen. In einer juryfreien Ausstellung hatte sie ca. 1922 oder 1923 damit sensationellen Erfolg. Fast alle Kunstzeitschriften, auch in der Schweiz, Italien und Frankreich berichteten darüber. Sie gehörte zu den Großen der deutschen expressionistischen Bildhauerinnen und ließ sich nie in das Kunsthandwerk abdrängen. Auch als Lehrerin wurde sie tätig, denn sie übernahm 1926 an der Staatlichen Kunstschule Berlin das Lehramt für Aktzeichnen.

Katharina Heise war auch eine politisch wache und interessierte Frau. Enge Beziehungen hatte sie zu Ernst Niekisch, von dem sie auch eine Büste schuf. Ernst Niekisch gab in den zwanziger Jahren die Zeitschrift „Widerstand – Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik“, deren ständige Titelgrafik sie entworfen hatte. Seit 1927 war sie Mitglied der SPD. 1925 wurde sie Schriftführerin des 1913 von der Kollwitz gegründeten Frauenkunstverbandes und engagierte sich für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und mehr Anerkennung für die Künstlerinnen. Aktiv war sie auch in der Novembergruppe der Berliner Künstler und in den Magdeburger Künstlervereinigungen „Wir aber“ und  „Kugel“. So nimmt es nicht Wunder, dass sie sowohl infolge ihrer Arbeitsweise, wie auch auf Grund ihrer politischen Einstellung vom Nationalsozialismus als „entartet“ eingestuft und diffamiert wurde. Da aber sie und ihre Schwester keine künstlerischen Kompromisse machten, erhielten sie weder Aufträge noch das Recht an Ausstellungen teilzunehmen. Allein aus dem Magdeburger Museum wurden wohl 5 Werke von Katharina als „entartet“ entfernt.

Die schwere Krebskrankheit ihrer Schwester hielt Katharina Heise in Berlin. Annemarie starb 1937. Als 1942 bei einem Bombenangriff in Berlin auch das Atelier zerstört wurde, hielt sie nichts mehr dort und sie kehrte endgültig in ihr Geburtshaus in die Edelmannstraße 22 nach Bad Salzelmen zurück. Von der ehemaligen Wohlhabenheit war nach Inflation und Misswirtschaft des später verstorbenen Bruders nicht mehr viel übrig geblieben.

Ein erhoffter Neuanfang nach dem Krieg blieb aus. Es entstanden Entwürfe für ein Denkmal für die Opfer des Faschismus, ein Relief „Wiederaufbau“ und auch ein Portrait Otto Grotewohls, aber sie wurde von den neuen Machthabern links liegen gelassen und kaum noch zur Kenntnis genommen. Der SED-gesteuerte Verband Bildender Künstler überging sie bei Ausstellungen und der Vergabe von Aufträgen. Lediglich ganz vereinzelte kirchliche Aufträge gab es noch. Sie lebte sehr zurückgezogen und musste eigene Sammlungsstücke zum Lebensunterhalt verkaufen. Aber sie blieb immer unermüdlich und fast ausschließlich keramisch künstlerisch tätig. Ein von Jahr zu Jahr größer werdender Freundeskreis, meist jüngerer Leute scharte sich allmählich um sie. Aber es war schon fast zu spät. Ihr Herz wurde schwächer und sie hatte Magenkrebs. Sie verstarb am 5. Oktober 1964, enttäuscht und verbittert.  In ihrem Testament forderte sie auf, alles zu vernichten und zu verbrennen. Doch zwei ältere, jetzt schon ebenfalls verstorbene Freunde (der Volkskünstler Hans Helmbrecht und der Kunsterzieher und später von der Stasi auch verfolgte und eingekerkerte Hans Oldenburger) versuchten noch zu retten, was zu retten war. Manches davon ist nun im Schönebecker Kreismuseum. Vieles an Dokumenten ist wohl auch verloren gegangen.

Die Nazizeit wollte Katharina und Annemarie Heise in das Vergessen stoßen. Das SED-Regime wollte die Schwestern in der Vergessenheit belassen. Wir sollten das unselige Erbe dieser beiden Diktaturen nicht fortsetzen. Die Schönebecker Ausstellung will die Erinnerung an die Schwestern und an das von ihnen geschaffene Werk bewahren.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 2. Januar kommenden Jahres. Das Museum in der Pfännerstraße 41 ist jeden Dienstag, Donnerstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Außerhalb dieser Zeit können aber auch Besuche telefonisch unter 03928 – 69417 vereinbart werden.